Geburt, Mother Birth

Muttierung – Teil 2 – Wahl des Geburtsortes

Im Teil 2 meiner Mini-Serie „Muttierung“ möchte ich darüber berichten, warum ich die Wahl des Geburtsortes neu überdacht habe.

Wahl des Geburtsortes

Feste Überzeugungen

Ich erinnere mich noch ganz genau an die Autofahrt im Januar 2011. Zu dem Zeitpunkt war ich schwanger mit NotYet. Ich unterhielt mich mit meiner Beifahrerin – ebenfalls schwanger – darüber wo wir planen unsere Kinder zu Welt zu bringen. Meine damaligen Worte schwirren mir heute noch manchmal durch den Kopf mit dem Gedanken, ob ich das wirklich gesagt habe. So unglaublich fern von meiner heutigen Einstellung 😉 :

„Also ich kann Frauen nicht verstehen, die ihre Kinder nicht in einem Krankenhaus bekommen. Das ist doch verantwortungslos! Was alles passieren kann. Viel zu unsicher. Wenn meine Mutter damals nicht im Krankenhaus gewesen wäre … Und bei meiner Schwiegermutter erst! Ganz schlimme Geschichten! Eigentlich muss auch noch eine Intensivstation für Neugeborene dabei sein. Stell dir mal vor, da ist was mit deinem Kind und die müssen es erst ausfliegen?! Da können Minuten entscheidend sein! Welch ein unnötiges Risiko!!! So eine kleine Klinik ohne diese Absicherung kann ich mir persönlich überhaupt nicht vorstellen. Ausgeschlossen. Da hätte ich viel zu viel Angst.“

Verstand vs. Bauchgefühl

Schon damals hatte eine kleine, miese, innere Stimme mir ins Ohr geflüstert: „Sicher, dass du nur davor Angst hast? Ist deine starke Angst VOR Krankenhäusern nicht mehr relevant? Um welche Ängste geht es hier eigentlich?“ Ich ignorierte es und war dumm genug meinem Bauchgefühl zu mißtrauen und die Ängste der anderen zu meinen eignen zu machen. Eine Selbsttäuschung erster Güteklasse. Ich habe die Erwartungen anderer erfüllt; nicht meine. Eine Vorspiegelung von absoluter Sicherheit – ein Trugbild – geschaffen als reines Gedankenkonstrukt. Trotzdem schrie ein Gefühl in mir: ANGST!!!! ICH HABE ANGST!!!! Totale Sicherheit, also was sollte schon schlimmes passieren. Ich hatte ja vorgesorgt 🙂 .

Wenn der sichere Ort zur Falle wird – #Gewalt

Tja, und dann kam die Geburt von NotYet – natürlich in einem großen Krankenhaus mit angeschlossener Neugeborenen-Intensiv. Um es an dieser Stelle kurz zu machen: Es war eine traumatische Geburt – inklusive Gewalterfahrungen – für Mutter und Kind, kein Bonding, anschließende Traumatherapie und die Frage: Warum ist mir das passiert? In den darauffolgenden Monaten reifte in mir der Gedanke, nein die Erkenntnis, dass nicht trotz des Krankenhauses die Geburt so – mir fehlen dazu immer noch die passenden Worte – gelaufen ist, sondern wegen. Eine Interventionsspirale, in die ich gegen meine innere Überzeugung, gegen mein Bauchgefühl und auf massiven psychischen Druck hin, einwilligen musste, hatte als finales, fast unvermeidbares Ergebnis:

Sekundäre Not-Sectio, nachdem die fetalen Herztöne nicht mehr abzuleiten waren.

Geburtshaus?! – eine Option!

Als ich dann mit BusyBee schwanger war hatte ich offiziell immer noch nicht meine Einstellung zur Krankenhausgeburten geändert. Ich hatte noch mit niemanden über den aufkeimenden Wunsch nach einer Geburt im Geburtshaus gesprochen. War ist verrückt überhaupt daran zu denken? Nach der Geburt von NotYet wurde mir immer wieder eingebläut: „Sei doch froh, dass du in einem Krankenhaus gewesen bist, sonst hättest du jetzt ein totes Kind.“ Ein Totschlagargument, trotzdem glaubte ich irgendwie nicht daran, auch wegen der schier unendlichen Anzahl ähnlicher Geschichten meinem Umfeld. Können Kinder heutzutage wirklich nur mit Hilfe von Ärzten und dem Einsatz von viel Technik sicher zur Welt gebracht werden? Sind Kliniken wirklich sicherer oder nur scheinbar – vielleicht auf den ersten Blick hin? Und gibt es ein individuelles Sicherheitsbedürfnis, dass von der breiten, gesellschaftlichen Norm abweichen darf? Viele Fragen geisterten in meinem Kopf umher, ohne dass ich eine Antwort hatte. Wenn ich ganz ehrlich bin: ich hatte Antworten, aber ich konnte sie mir selbst nicht einmal laut eingestehen. Während ich hier schreibe laufen mir die Tränen über die Wangen…. allein die Erinnerung an diese schwierige Zeit, die Kämpfe, die Rechtfertigungen, die Beschimpfungen, die Anschuldigungen, die Zweifel, die Ängste… alles wühlt mich innerlich sehr auf. Aber da war auch von Anfang an ein Hoffnungsschimmer, der mich immer wieder an das Gelingen einer außenklinischen Geburt glauben lies. Auch nach Kaiserschnitt!!!! (Das ist aber noch ein ganz eigenes Thema 🙂 )

Wenn das Schicksal einem den Weg weist, sollte man folgen…

Meine damalige Hebamme hatte aufgehört zu arbeiten, also musste ich mir zwangsweise eine neue Hebamme suchen. Nennt es Schicksal, aber die nächsten freiberuflich tätigen Hebammen waren die, die im Geburtshaus arbeiteten 🙂 Das erstes Kennenlernen zwischen mir und meiner Hebamme fand damals direkt im Geburtshaus statt. Ich fühlte mich sofort wohl, sehr wohl sogar – fast wie zu Hause. Ich entspannte, konnte endlich mal wieder durchatmen und loslassen. Der ganze Druck, der auf mir lastete wurde erträglicher. Ich wäre am liebsten gleich dort geblieben: beschützt und geborgen. So sicher. Sicher??!! Ja, ich fühlte mich sicher im Geburtshaus. Irgendwie hatte sich mein Sicherheitsbedürfnis verändert. Es waren nun andere Dinge, die mir Sicherheit vermittelten als früher. Nach diesem ersten Besuch im Geburtshaus drängte sich die Frage nach dem Geburtsort meines zweiten Kindes wieder verstärkt in mein Bewusstsein. Nun war ich mir sicher, dass ich zu mindestens die Informationsveranstaltung besuchen will. Pssst…. nicht verraten! Eigentlich wusste ich, was ich wollte, aber der ich musste noch den Herzensmann von meinen Plänen überzeugen. Da kam so ein netter Informationsabend doch gerade recht 😉

Eine gemeinsame Entscheidung – mit Hürden

Der Herzensmann war nicht so angetan wie ich von der Idee einer außenklinischen Geburt – nein ich korrigiere: er war sauer! Und wie! Nicht falsch verstehen, er ist herzensgut und steht immer hinter mir, aber er wurde bei der ersten Geburt auch traumarisiert – wie auch ich. Er hatte einfach nur Angst. Angst um mich und unser Kind. Ich konnte seine Gefühle verstehen. Wir haben lange intensive Gespräche miteinander  geführt. Ich habe nicht locker gelassen. Es war mir einfach zu wichtig. Wir einigten uns unvoreingenommen – ja auch ich habe das versucht zu tun! –  den Informationsabend zu besuchen und das taten wir auch. Ergebnis des Ganzen: wir meldeten uns noch am selben Abend für eine Geburt im Geburtshaus an. Die Entscheidung war gefallen – gemeinsam. Was den Herzensmann letzten Endes dazu bewegt hat, weis ich nicht so genau. Vielleicht fühlte er sich ebenso wie ich sicher dort; vielleicht hat er seine Bedenken über Bord geworfen um mir einen Herzenswunsch zu erfüllen oder aber er vertraute auf mein Bauchgefühl, dass uns schon viele  Male die richtige Richtung gewiesen hat. Ich bin ihm unheimlich dankbar, dass er meine Entscheidung respektiert hat, sie mitgetragen hat und auch mit Herzblut verteidigt hat. Er hat mir vertraut ohne wenn und aber und hat trotz seiner Ängste zu mir gestanden. Das ist die größte Liebeserklärung, die er mir machen konnte! Und dieser Text ist eine an ihn:

Herzensmann ich liebe dich für dein grenzenloses Vertrauen in mich. Danke, dass du immer hinter mir stehst.“

*EURE MOTHERBIRTH*

Im 3. Teil der Mini-Serie „Muttierung“ möchte ich noch einige weitere Punkte vorstellen, bei denen ich meine ursprüngliche Meinung stark geändert habe – also muttierte 😉 .

#Geburt #Krankenhaus #Geburtshaus #Trauma #Entscheidung #Mutterschaft #Ansichten #Neuorientierung

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12 thoughts on “Muttierung – Teil 2 – Wahl des Geburtsortes”

  1. Mensch, bei dir heule ich ja bei fast jedem Text! Ich bin ein Weichei.
    Ich finde auch jeder sollte den Geburtsort selbst wählen. Ich hatte drei tolle Hausgeburten, obwohl ich auch bis zur ersten Schwangerschaft immer dachte: Wer macht denn sowas?!
    Aber es fühlte sich passend an. Aber egal wo man nun die Kinde bekommt: Es ist wichtig von der betreuenden bzw begleitenden Person ernst genommen zu werden. Also wenn man sagt, das ist mir unangenehm, so ist es mir wohler oder eben ängstlich ist, dann MUSS das ernst genommen werden! Dann ist eigentlich schon alles gut. Es liegt mir nicht so sehr so emotional zu schreiben wie du (ich lese es aber gern!), ich mach das eher auf lustige Art. Ich hatte auch ein Kranknehauserlebnis im 8.Schwangerschaftsmonat. Ein Pups gegenüber dem, was du da erlebt hast. Aber ich fühlte mich unmündig, nicht ernst genommen und irgendwie im Stich gelassen. Da hatte ich auch schon zwei Tage dran zu knabbern. Dann konnte ich herzhaft lachen. Aber mit so einem Gefühl hätte ich in diesem Kranknhaus bestimmt nicht so entspannt ein Kind zur Welt gebracht.
    Ich kenne übrigens auch einige Frauen, die ein Geburtstrauma im Krankenhaus erlitten. Man spricht nur nicht so gerne darüber. Da bedarf es Aufklärung! Und die Geburten im Krankenhaus, die gut verlaufen sind, waren aber auch meistens mit kleinen Eingriffen verbunden. saugglocke oder Zange. PDA etc. Ich finde die Frauen müssen wieder gestärkt werden in ihre Natur zu vertrauen! Der Mensch wäre längst ausgestorben, wenn die Geburt ein solches Risiko wäre.

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    1. Nein, du bist kein Weichei 😉 … Selbst ich weine immer wieder bei meinen eigenen Texten, sie nehmen selbst mich emotional mit. Ich will auf meinem Blog tatsächlich Mut machen – am Beispiel meiner eigenen Geschichte – wie wunderbar und toll der weibliche Körper Leben schenken kann, wenn ihm vertraut wird. Die allermeisten Frauen trauen ihren Körper bis, ja bis sie zum Arzt gehen, der ihnen als erstes die Risiken erklärt und was alles schief gehen kann. Welcher Frauenarzt sagt als erstes Herzlichen Glückwunsch? Ich kenne das nicht. Eher die Aussage: „Da wollen wir mal schauen, ob sie Recht haben…“ Jeder Termin hinterließ mich mit einem negativen Gefühl. Nicht bestärkt, nicht selbstsicher, sondern verunsichert und verängstigt. Unfähig fühlend, dass ich jemals ohne ärztliche Hilfe das mit der Geburt schaffen könnte, wenn ich schon zur Schwangerschaft solche Unterstützung benötige?…
      Ich danke dir von Herzen für deine lieben Worte! Es bedeutet mir sehr viel, wenn ich andere Menschen berühren kann.

      Liebe Grüße
      Mother Birth

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  2. Ich musste weinen als Du über Eure Anmeldung im GH geschrieben hast. So schön dass ihr beide plötzlich einer Meinung ward. Das ist so viel wert!!!
    Die Rückendeckung meines Mannes ist oft unersetzlich und ich kann mich darauf verlassen.
    😍

    Gefällt 1 Person

    1. Es war ein entscheidender Schritt, den wir gemeinsam getan haben: die Abkehr von der Krankenhausgeburt. Das stimmt. Ich bin heute noch sehr dankbar, dass es damals so gelaufen ist. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn er NEIN gesagt hätte…

      Dir danke ich für deine liebevollen Worte…

      Mother Birth

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  3. Ich hab genau die gegenteilige Erfahrung gemacht – und gleich 2x : vollkommen natürliche Geburt im
    KH, aber ausschließlich mit Hebamme.
    Eine Freundin hat im Gegenzug schlimme Geburtshaus-Erfahrung gemacht und beim 2. dann daheim entbunden.
    Ich wünsche jeder werdenden Mama, dass sie sich ganz auf sich verlässt bei der Wahl des Geburtsortes – so man wählen kann.

    https://schnuppismama.wordpress.com/2012/09/07/naturliche-geburt-im-krankenhaus/

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    1. Ich finde es schön, dass du gleich deinen Blogtext verlinkt hast! Das Ziel am Ende einer jeden Schwangerschaft sollte doch immer ein schönes Geburtserlebnis sein – egal an welchem Ort: ob Krankenhaus, Geburtshaus oder daheim! Das ist das wichtigste. Aber nicht jeder Geburtsort ist für alle Mütter gleich gut geeignet. Dafür gibt zu viele verschiedene Vorstellungen, Wünsche und Ängste. Deshalb sollte die freie Wahl des Geburtsortes geschützt werden. Es ist so wichtig sich frei entscheiden zu können!

      Liebe Grüße

      Mother Birth

      Gefällt 1 Person

Hinterlasst mir hier gerne einen Kommentar! Ich würde mich sehr darüber freuen <3

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