Gastbeiträge - von euch für mich, Geburt, Mother Birth

#Gastbeitrag: Eine Geburtsreise – zwei Blickwinkel. Teil 1: aus Sicht der Doula

Ich freue mich wahnsinnig, dass ich diesen einmaligen Geburtsbericht hier veröffentlichen darf. Er erzählt die Geburtsreise von Isabelle – einer treuen Leserin meines Blogs ❤ Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie diese intimen und berührenden Momente teilen möchte und mir das Vertrauen schenkt dies auch auf meinem Blog zu tun. Vielen lieben Dank ❤

*****

Teil 1 wurde von Isabella Ulrich verfasst. Sie ist Dipl. Elternbildnerin, Geburtsmentorin & Geburtsbegleiterin (Doula). Von ihr stammt auch das wundervolle Buch „INSTINCTIVE BIRTH – Geburt aus eigener Kraft“. Mehr von ihr könnt ihr auf ihrer Homepage erfahren.

Dieser Bericht soll ein Geschenk an die Gebärende  – an die Mutter – sein. Es ist kein objektiver Geburtsbericht, der schnöde alle Fakten aneinanderreiht. Er ist viel mehr als das – er fängt die kostbaren Momente, die Gefühle ein und macht die Geburt als schöpferischen Akt zu etwas unvergesslichem. Er ist eine schöne Erinnerung ❤


Ich komme gerade von einer Hausgeburt nach Hause, die mich auf allen Ebenen gefordert hat und mich wirklich demütig, zutiefst bewegt, dankbar und nachdenklich stimmt … Wenn man was über das LEBEN lernen möchte, dann wohl beim Gebären.

GEBURT EINER MUTTER – Isabelle’s & Vikthor’s Geburtsreise

Nachdem ich von Isabelle die Erlaubnis bekommen habe, möchte ich euch eine berührende Geschichte erzählen, die für mich die Essenz einer transformativen Geburtsreise zum Ausdruck bringt.

Wie alles begann…

Vor über vier Monaten kam Isabelle mit einem kleinen Bäuchlein in meinen Kurs. Isabelle ist eine sehr starke Frau. Klarer Ausdruck. Überzeugend. Offenherzig. Wunderschön. Lange, dunkle Haare, und Augen in die man irgendwie nur blicken mag, wenn man auch meint, was man sagt. Sie ist eine sehr weibliche Frau, mit Rundungen, die auch welche sein dürfen. Kompromisslose Weiblichkeit, würde ich so etwas nennen. Und doch… war da eine gewisse Härte. Eine kämpferische Standhaftigkeit. In der Begrüßungsrunde hat Isabelle ihren kleinen Sohn Vikthor mit Namen genannt, als wäre er schon in ihren Armen. Das hat sie von allen anderen Müttern im Kurs unterschieden. Für sie war Vikthor schon da. Er musste nicht erst geboren werden, um für sie schon total präsent zu sein. Mit

„Ich weiß, ich kann das!“

und

„Ein Kaiserschnitt kommt für mich nicht in Frage“

hat sie ihre Sicht über Geburt mitgeteilt. Es macht mich als Kursleiterin immer sehr ehrfürchtig, wenn das eine Frau von sich sagt. Ich war nie so mutig. Ein Teil von mir war überzeugt, dass dem so ist – dass sie das einfach kann. Etwas in mir hat aber gesagt:

„Bereite sie auf die Hingabe vor – auf den Punkt, wo sie das nicht mehr glauben wird. Da wird die entscheidende Wende sein – ob der Teil von ihr wirklich durchkommen darf, der tatsächlich und ohne jeden Zweifel gebären kann, oder ob die Härte und Standhaftigkeit in ihr das Rennen machen wird, und damit das eintritt, was sie auf keinen Fall will.“

Ein Geschenk an mich: Schau zu und lerne!

Die folgenden acht Wochen hat Isabelle jeden noch so klitzekleinen hochkommenden Zweifel über die bevorstehende Geburtsreise und ihr Dasein als Mutter aus sich herausgekehrt, durchleuchtet, auf seine Sinnhaftigkeit geprüft und widerstandlos eliminiert. Ich war schon davon zu tiefst berührt. Kaum eine Frau geht diesen Weg schon vor der Geburt so tiefgründig. Oft kommt der Tiefgang erst mit der Geburtsreise selbst – der Wehenarbeit, dem Aufgeben des Kampfes, dem Sich-verabschieden von allen Vorstellungen, der Hingabe an das Kind. Im Kurs wird das innere Spielfeld dafür nur vorbereitet.
Zwei Wochen nach Kursende kam ein Anruf:

„Bitte begleite mich bei der Geburt.“

Irgendetwas war da in unserer Beziehung zueinander, das sie für ihre Geburtsreise spürbar an ihrer Seite haben wollte. Deshalb habe ich zugesagt. Heute weiß ich, es war ein Geschenk an mich.

„Schau zu und lerne“.

Die stillen Beobachter…

Morgens um kurz nach 6 Uhr läutete dann das Telefon, und Isabelle rief mich zu sich. Als ich bei ihr eintraf, öffnete ihr Mann Benjamin die Tür. Aus dem Badezimmer ertönten Urlaute, die mein Herz berührten. Isabelle’s Hebamme Patricia saß neben ihr am Boden und beobachtete sie still und zurückgezogen bei ihrer hingabevollen und sehr instinktiven Geburtsarbeit. Stunden vergingen, in denen ich und Patricia einfach nur anwesend teilhaben durften. Isabelle, ihr Mann und ihr Baby versanken in einem innigen Liebesakt. Mal kraftvoll – mal gelöst – mal zweifelnd, aber immer hingebungsvoll. Isabelle kam irgendwann aus der Badewanne und fand sich vorne über gelehnt und ihr Becken kreisend am Tisch wieder. Von Zeit zu Zeit pilgerte sie gemeinsam mit Benjamin auf’s WC, verweilte einige Wellen dort, und kam dann schließlich in vielen instinktiven Bewegungen und verschiedenen Gebärhaltungen, in denen sie Benjamin kraftvoll und liebevoll unterstützte, an den Punkt, an dem ganz klar ein Stillstand zu spüren war. Im Innen und auch im Außen.

Geburtsarbeit – gemeinsam

Stillstand und Demut

Isabelle war fast vollständig eröffnet. Jetzt war es an der Zeit ihr Baby tiefer ins Becken hinuntersinken zu lassen – die Weichheit in sich für das Kind spürbar zu machen, damit es seinen Weg finden konnte. Es stellte sich heraus, dass Vikthor sich nicht günstig ins Becken eingestellt hatte: Hoher Geradstand. So kam das Kind nicht voran. Jede Wehe war vergebliche Arbeit. (Eine häufige Indikation für einen Kaiserschnitt- wurde wärend der Geburt aber nicht thematisiert.)
Isabelle’s Hebamme Patricia bewirkte mit viel positiver Bestärkung, dass sich Isabelle in der Phase kraftvoller Übergangswehen in die Kopfhängelage begab. Gemeinsam arbeiteten ich und Patricia mit dem Rebozo-Tuch um Vikthor wieder aus dem Becken zu bewegen. Mit unendlicher Geduld von Isabelle und einer für mich unvorstellbaren Gefügigkeit war es zwei Stunden später soweit, dass Vikthor sich tatsächlich in eine gebärbare Lage hineinfinden konnte. Für mich ist es nahezu unfassbar, dass sie keinerlei Widerstand gegen ihr Kind, die Geburtskraft, die unerfassbaren körperlichen Empfindungen oder uns Begleiter geleistet hat, wie man das so oft erlebt. Jegliche innere Härte und Beharrlichkeit die ihren Charakter so deutlich ausmacht, hat sie in diesem Moment transformiert um ihrem Kind zu dienen. Sie hat die ganze Härte und Stärke aus ihrem Körper fließen lassen und sie dafür mental eingesetzt, um sich für ihr Kind weich und gefügig zu machen, und – ohne jemals zu Jammern oder zu Klagen – ihre Rolle als Mutter einzunehmen.

Hingabe

Am Ende spürte sie einen starken Drang ihr Baby abwärts zu schieben, und sie schob in der tiefen Hocke mit aller Kraft ihr Baby nach draußen, wärend ich und Benjamin sie abwechselnd stützten. Als sie sich langsam zu öffnen begann, und schon einige Wehen lang Vikthor’s Köpfchen immer wieder ein wenig zu sehen war, begann plötzlich jede Menge Blut zu fließen und es war klar, die Plazenta begann sich abzulösen. Patrizica blieb ganz ruhig, brachte aber klar zum Ausdruck, dass mit der kommenden Wehe Vikthor geboren werden musste. Da gab es für niemanden einen Zweifel im Raum:

DAS WAR JETZT ZU TUN.

Und ich wünschte ihr hättet diese Frau gesehen …. Ich bin immer noch ein bisserl sprachlos. Mit einer einzigen Welle – aus tiefster mentalen Willensstärke heraus – hat sie dieses Baby eine Strecke aus sich herausgeschoben, für die eine jede andere Frau sicher 10 Wellen oder mehr Zeit genommen hätte, um heil zu bleiben. Isabelle war ganz bei ihrem Baby und dem, was es jetzt brauchte. Ohne ein Jammern, Zweifeln oder Murren, hat sie dieses relativ große Baby mit einer Urgewalt geboren, und dabei alles in Kauf genommen. Auch, dass dabei ihr Körper erheblichen Schaden nimmt.

Wendungen annehmen können

Als Vikthor um 16:21 Uhr geboren war, hat sie ihn gleich in ihre Arme geschlossen. Mama, Papa und Vikthor lernten sich kennen. Ich und Patricia gaben ihnen Zeit alleine. Und wenig später war klar, dass diese Geburtsreise noch kein Ende nehmen würde. Die Plazenta hatte sich zwar vorzeitig gelöst, aber nicht vollständig. Isabelle verlor sehr viel Blut und so wurden sie und Vikthor ins Krankenhaus Hainburg gebracht. Dort wurde die Plazenta gelöst und Isabelle’s Geburtsverletzungen versorgt. Isabelle nahm das alles mit einer Besonnenheit hin, die mich zutiefst bewegt hat. In der Zwischenzeit begleitete ich Benjamin und Vikthor in ihren ersten ganz intimen Vater-Sohn-Momenten, und es war hinreißend zu sehen, dass nicht nur Isabelle und ihr kleiner Sohn schon eine ganz starke Bindung zueinander hatten, sondern auch Benjamin und Vikthor.

Familie – eine enge Verbindung ❤

Dass Isabelle, Vikthor und Benjamin diese wirklich intensive und ausserordentlich herausfordernde Geburtsreise positiv erlebt haben, liegt für mich in der intensiven Bindung zueinander, die sie schon vor der Geburt geschaffen haben, und in Isabelle’s Bereitschaft zu einer außerordentlichen Demut – all ihre Willensstärke und Widerständigkeit umzuwandeln und daraus eine unfassbare Hingabe an ihr Kind zu finden.

Eine Mutter wird geboren…

Benjamin war etwas furchtvoll, was seine „Chefin“ wohl sagen wird, wenn man mit dem Kleinen Mann nicht alles so gemacht hat wie sie das gewünscht hat, während sie im OP versorgt wurde. Patricia und ich haben uns nur angesehen und wie aus einem Mund gesagt:

„Die Frau, die du kanntest, die gibts nicht mehr. Du wirst erstaunt sein was für eine Frau da jetzt an deiner Seite sein wird.“

Am Ende war da eine Weichheit und Verletzlichkeit in ihr. Zartheit. Einer weit geöffneten, wunderschönen Rosenblüte gleich, die ganz verletzlich ihr Innerstes nach Außen gekehrt hat und mit Liebe ihren kleinen Sohn im Arm hielt.

Geburten bergen ein transformatives Potential in sich

Liebe Isabelle, wenn mir etwas gezeigt hat, welch eine transformative Kraft die bewusst erlebte Reise durch Schwangerschaft und Geburt für eine Frau in sich birgt, dann die Reise von Vikthor und dir. Es macht Sinn die Vorarbeit zu leisten. Es macht Sinn sich selbst und seinen tiefsten Ängsten und Zweifeln ins Gesicht zu sehen und zu sagen:

Ich lasse meine Wunschgeburt bewusst hinter mir, und gehe den Weg der Hingabe – den Weg den ich mit meinem Kind gehen muss, um es ihm als Mutter zu ermöglichen, geboren zu werden. Und zwar eigenverantwortlich. Ich weiß, dass in unserer Kultur „Mama“ zu sein, nicht immer so ehrenhaft gesehen wird. Das ist ja schließlich eine jede zweite Frau. Und wie wichtig eine bewusst erlebte Schwangerschaft und Geburt für uns Frauen ist, um wirklich transformativ wirken zu können, ist auch den meißten Menschen nicht bewusst, weil sie diese als medizinische Dienstleistung sehen.

Du hattest den Mut dich schon in der Schwangerschaft so intensiv auf diese Herausforderung einzulassen, dass du dir und deinem Kind den Weg für diese Geburtsreise geebnet hast. Das „Mama“ vor deinem Namen ist für mich ein Ehrentitel, und wenn ihn eine Frau verdient hat, dann du. Blutschwester.

Deine Doula Isabella


Ein wahrhaftig passender Geburtsbericht auf Motherbirthblog, denn:

„Geboren wird nicht nur das Kind durch die Mutter, sondern auch die Mutter durch das Kind.“

Seit gespannt auf Teil 2, indem die Mutter selbst zu Wort kommt und vielleicht seid ihr überrascht, dass Außen- und Innenwirkung nicht immer deckungsgleich sind oder aber ihr erkennt euch – ebenso wie ich – wieder: andere sehen nur die Stärke, aber man selbst auch die Verzweiflung hinter der Fassade… Also freut euch auf Teil 2!

 

*EURE MOTHER BIRTH*

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7 thoughts on “#Gastbeitrag: Eine Geburtsreise – zwei Blickwinkel. Teil 1: aus Sicht der Doula”

  1. Was ein wunderschöner Geburtsbericht und so schön geschrieben. Aber bei dem letzten Satz stimmt ich nicht ganz zu. Ich denke nicht, dass viele Frauen, Geburt als medizinischen Dienstleistung sehen, sondern eher eine Geburt als ganz natürlich ansehen und sich dann in die Fängen der Medizin wiederfinden und nicht wissen wie dem zu entkommen und zu wehren.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich sehe das ebenso wie du. Frauen wünschen sich ein natürliches und schönes Geburtserlebnis und werden zu oft in die Interventionsspirale der Geburtshilfe hineingezogen. Oft aus Angst wehren sie sich nicht und lassen es geschehen.
      Ich denke, dass wirklich nur sehr wenige Frauen Geburt als medizinische Dienstleistung sehen. Aber der Text ist nicht von mir und die Doula Isabella empfindet dies wohl anders.
      Alle Meinungen und Eindrücke sind schlußendlich subjektiv.

      Liebe Grüße
      Mother Birth

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  2. Aus tiefstem Herzen Danke für diese Geburtsgeschichte! Und aus tiefstem Herzen Danke für diese Frau, dieses Weib, diese Mutter! Daß ich dies gerade jetzt lese, bewegt mich sehr. Den ganzen Tag schon bin ich in meinem Inneren bei der Geburt meiner Tochter, morgen sind es 9 Jahre. Und diese Geburt hat mich so viel gelehrt, an Demut, Hingabe…Und so habe auch ich niedergeschrieben! (https://www.facebook.com/KatrinShantiEngelmayer/posts/517984475211398?comment_id=518029261873586&ref=notif&notif_t=feed_comment&notif_id=1504809841502961)

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Kathrin,

      ich danke dir für deinen Link. Er hat mich wiederum teil bewegt. Denn auch ich empfinde, dass eine Geburt einen auf einem schmalen Grat bewegen lässt zwischen Leben und Tod. Es ist ein Tanz, ein Reigen. Es macht den Reiz aus – für mich. Wenn ich mich dem Tod hingeben kann, kann ich auch das Leben empfangen. Wie eine Art „Bedingung“ – so zumindest bei mir.

      Ich habe auch eine „Schicksalsfee“ getroffen. Bei meiner letzten Geburt. Sie erschien mir an einem Scheideweg: ich musste die Hausgeburt abbrechen und meinem Trauma ins Auge schauen und zum Gebären ins Krankenhaus fahren. Ich war verzweifelt und wütend. Da kam diese Lichtgestalt und sagte mir:
      „Das wird nicht deine letzte Geburt sein.“
      Dan verschwand sie und ließ mich zurück. Es war surreal. Aber es war sicherlich dieser Blick in die Zukunft, der mich wieder hoffen, Mut fassen und weiter machen ließ. Dafür bin ich sehr dankbar auch, wenn ich zuerst dachte: was will die jetzt mit noch einer Geburt? Diese hier ist immer noch nicht abgeschlossen! 😉

      Liebe Grüße
      Mother Birth

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    1. Liebe Shani,

      auch der zweite Teil ist wundervoll und du darfst dich zu recht darauf freuen. Mir hat er noch eine größere Gänsehaut verschafft als Teil 1, denn ich konnte mich so gut in Isabelle hineinversetzten – in ihre Gefühle und Gedanken, weil ich sie auch schon so erlebt habe. Deshalb bin ich auch so glücklich diesen Geburtsbericht in dieser Form veröffentlichen zu dürfen.

      Liebe Grüße
      Mother Birth

      Gefällt mir

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