Geburt

EXTRAversion – Wunder erleben

„Du musst jetzt aufstehen“ … Diese Worte hörte ich, verstand sie aber noch nicht direkt – denn sie waren geflüstert irgendwo neben meinem Ohr. „Aufstehen …“ etwas lauter nun und ich merkte, dass ich im Bett lag und schlief – oder jetzt eben nicht mehr schlief. Ich öffnete die Augen und dann wurde mir alles schlagartig bewusst. Motherbirth stand da neben mir, es war noch alles dunkel. Ich griff zu meiner Brille und sah, dass es kurz vor sechs Uhr war. Es war anscheinend heute endlich soweit! Motherbirth berichtete mir im Flüsterton, was mir nach der Erlangung meiner Sinne bereits sonnenklar war – heute werde ich zum zweiten Mal Vater.

Achterbahn der Gefühle – zwischen Angst und Gelassenheit

Ich stand auf, folgte meiner Frau nach unten. Motherbirth setzte Ihre Atemübungen fort und ich versuchte (noch ein bisschen unbeholfen) Sie dabei zu unterstützen. Durch unsere Hypnobirthing-Vorbereitungen wusste ich schon was zu tun ist und was von mir – als Mann – erwartet wird. Also streichelte ich meine Frau an den Schultern, setze Ankerpunkte und fühlte mich trotz allem nicht so recht glücklich mit der Situation. Die Wellen wurden stärker und stärker und setzen immer schneller ein. Irgendwann – und im Nachhinein weiß ich wirklich nicht mehr wie lange es war – fühlte es sich so an, dass wir uns auf den Weg machen sollten. Motherbirth zögerte meinen Anruf beim Geburtshaus heraus; sie hatte für mich bereits unendliche Flut an Aufgaben erdacht – so eine To-Do Liste bei der Arbeit hätte mir echten Stress verursacht … Ich merkte, dass Motherbirth nicht fahren wollte; aber ich fühlte mich nicht wohl und sagte ihr das auch direkt. Sie willigte ein und ich rief an. Die Hebamme hörte mir zu bei meiner unbedarften Erklärung (in welcher Intensität kommen die Wellen mit welcher Dauer…) und vermutlich bemerkte sie meine Aufregung und Nervosität; denn sie sagte mir einfach nur: „Kommt her zu uns, ich freue mich auf Euch!“ Dieser eine Satz brachte Ruhe in mein inneres Chaos und gab mir eine gewisse Entspannung. Nun musste ich meine Schwiegereltern anrufen – beim Telefonat merkte ich die Angst Ihrer Eltern. Es gab mir das Gefühl, dass gleich etwas schlimmes passieren würde, dass wollte ich aber unter keinen Umständen und vor allem wollte ich nicht wieder dieses schreckliche Gefühl, wie vor, bei und nach der Geburt von NotYet. Ich erinnerte mich an die Hebamme und dies gab mir Gelassenheit… Leider nur solange, bis meine Schwiegermutter mit angsterfüllten Augen unser Haus betrat. Ich wollte nur noch weg. Dann merkte ich plötzlich, dass auch die Hauptperson des heutigen Tages ein Unwohlsein entwickelte – denn plötzlich sollte ich wieder neben ihr stehen und ihre Schultern streichen und Ankerpunkte setzen… Das fühlte sich wieder komisch und vielleicht sogar falsch an. NotYet begann zu schreien, er wollte nicht, dass wir gehen (oder er wollte nicht bei Personen bleiben, denen sich die Angst ins Gesicht manifestiert hatte).

Welchen wichtigen Geburtstag habe ich bloß vergessen…?

Wir fuhren los, es war endlich wieder ruhig und ich versuchte meine innere Ruhe wiederzufinden. Das alles hört sich für Euch Leser jetzt vielleicht merkwürdig an – warum schreibt der Kerl eigentlich nur über seine Gefühle und inneren Beweggründe – in diesen ersten Stunden des Tages war es aber genauso! Ich versuchte alles, um nicht in Panik zu geraten. Ich wollte für Motherbirth, dass alles so klappt, wie Sie es sich vorgestellt hatte – gleichzeitig hatte ich unglaubliche Angst, dass sich alles wiederholt, wie es bei NotYet war. Während dieser Minuten der Fahrt zum Geburtshaus halfen mir die Übungen, die ich beim Hypnobirthing erlernte. Ich wurde wieder ruhiger und zumindest ein bisschen gelassener. Beim Geburtshaus ließ ich Motherbirth schon bei der Eingangstür heraus, ich suchte noch einen Parkplatz und folgte meiner Frau etwas später. Die Hebamme begrüßte mich und ich nahm in dem Sessel Platz, der mir schon während der Vorbereitungsgespräche so gut gefiel. Die Hebamme holte ein CTG und schloss Motherbirth an – und dann begann schon wieder dieser be**** Film von der letzten Geburt. Wie von Geisterhand stand ich neben diesem Gerät und ertappte mich dabei, nicht meine Frau zu beobachten, sondern eben das Gerät. Wie froh war ich, als BusyBee dann aufwachte und die Hebamme alle Ergebnisse „im Kasten“ hatte. Ich war wieder panischer und gar nicht mehr so gelassen, wie ich es mir erhoffte – saß aber wieder in meinem geliebten Sessel unter meinem geliebten Bild (das Bild ist übrigens das „Relikt aus dem Text: „Verschwunden“). Die Hebamme ertastete den Muttermund, sagte irgendetwas von: „ach was ist denn da los…“ (den genauen Wortlaut erinnere ich nicht mehr), alle sprangen auf und wir gingen in den Geburtsraum. Das ganze überrumpelte mich – ich sah mich schon wieder Stunden über Stunden (wie bei der ersten Geburt) warten, bis es losgeht. Die Hebamme sagte mir dann noch: „Wie schön ist das, wir feiern heute Geburtstag!“. Ich überlegte krampfhaft, ob ich heute einen wichtigen Geburtstag vergessen hatte, und wollte gerade etwas (mir in Nachhinein wohl extrem peinliches) sagen – bis ich plötzlich aus heiterem Himmel verstand: Unser Kind wird heute – vermutlich gleich – hier im Geburtshaus geboren!

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Dem Zauber der Natur begegnen – einer Geburt beiwohnen

Zurücklehnen und geschehen lassen

Dieses Glücksgefühl war unbegreiflich und es änderte alles in meinem ganzen inneren Gefühlsleben. Plötzlich war ich hellwach, entspannt, voller Freude und konnte mich endlich wieder von mir lösen und mich auf meine Frau konzentrieren. Ich merkte, dass sie sich in diesem neuen Raum – dem Geburtsraum – wohl fühlte. Trotzdem bat Sie mich, wieder Schultern zu streicheln, Anker zu setzen und ich machte es – merkwürdigerweise jetzt aber sehr wiederwillig. Warum sollte ich ständig neben ihr sein?; es fühlte sich nicht richtig an. Motherbirth war bereits in echter Arbeit. Die Wellen kamen in ziemlich großer Intensität und meine Frau hielt sich mit beiden Armen an einem Stuhl fest. Für mich sah das alles so natürlich aus – ich spürte großen Stolz auf meine Frau, aber auch Erleichterung, dass ich in diesem scheinbar ganz natürlichen Prozess gar nicht aktiv helfen muss. Ich vertraute! Und dann zog ich mich zurück. Ich legte mich auf das Geburtsbett und sah Motherbirth zu. Sie war nicht mehr beim Stuhl, sondern nun an einem Seil, welches an der Decke festgemacht war. Sie krallte sich während der Wellen an dem Seil fest; ihre Knöchel wurden unter der Belastung weiß, sie schwitzte immer mehr und sie brüllte, wie ich es in meinem ganzen Leben weder von ihr, noch von irgendeiner anderen Person jemals gehört hatte; nach der Welle fiel Sie in das Seil und keuchte vor Anstrengung. All das fühlte sich für mich aber – und ich finde es selbst erstaunlich (sogar jetzt, wo ich darüber schreibe) – völlig natürlich an. Ich sah einer Frau beim Gebären zu – so wie es von der Natur gewollt war – unglaublich anstrengend aber scheinbar völlig schmerzfrei. Es fühlte sich alles richtig und gut an. Ich entspannte immer mehr, wechselte Worte mit der Hebamme, trank einen Kaffee und freute mich auf unser Kind. Ich wusste, dass Motherbirth es schafft – Sie als Frau, einfach gemacht um Kinder zu gebären. Egal, ob Urlaute von meiner Frau kamen, Satzfragmente wie: „ich kann nicht …. ich kann nicht …. mehr“ oder „ich kann das einfach nicht mehr halten“ – all dies sah vollkommen natürlich und wunderbar aus. Von der Natur gemacht und gewollt!

Vom Glück der Geburt

Dann änderten sich aber plötzlich die Sätze, die Motherbirth zwischen den Wellen sagte. Es war plötzlich eine Furcht in Ihrer Stimme. Sie hing im Seil und rief immer und immer wieder: „Helft mir!!! Helft mir!!!“ Hiiillllfeee!“ Ich schaute zur Hebamme und sie warf mir einen beruhigenden Blick zu. Ich interpretierte ihn mit „Alles in Ordnung! Das muss so sein – es gehört dazu.“und setzte mich wieder auf das Bett. Ich wollte Motherbirth helfen, aber Sie wollte keine Hilfe – das merkte ich. Ich versuchte mit ihr in Kontakt zu treten, sprach mit ihr – aber sie war anscheinend wieder in einer Trance. Die Hebamme wollte ihr eine andere Geburtsposition anbieten, damit sie endlich ihre Arme etwas ausruhen konnte. Da herrschte Sie sie aus den Tiefen ihres Bewusstseins an, dass Sie sie gefälligst in Ruhe lassen solle! Sie wüsste am besten, was für sie gut wäre. Ich war beeindruckt von meiner Frau. So habe ich sie noch nie in meinem Leben wahrgenommen. Dann platzte die Fruchtblase und Motherbirth schrie auf. Das Seil, die Position, war nun nicht mehr richtig – und jetzt ging es schnell. Meine Frau schrie: „Der Hocker, der Hocker, der Hocker!“ Ich sprang auf, plötzlich in Eile und wollte helfen. Aber die Hebamme hatte alles schon vorbereitet. Ich setzte mich hinter meine Frau, Sie fiel mit dem ganzen Gewicht auf mich. Die Hebamme hatte Erbarmen, und half Motherbirth und vor allem mir, zu einer verträglicheren Sitzposition. Meine Frau war nicht mehr ansprechbar und stöhnte und röchelte nur noch. Sie war kreideweiß im Gesicht  – ich hielt etwas Sauerstoff bereit. Dann kam die zweite Hebamme und in ihrem Gesicht sah ich- wir sind bereits sehr weit in der Geburt fortgeschritten. Die erste Hebamme zeigte mir mit einem Spiegel, dass bereits die ersten Haare von BusyBee zu sehen sind. Es ging so schnell, ich konnte es nicht glauben. Dann hörte ich ein erstes kleines Schreien. Unser Kind! Es war noch gar nicht da, die Hebamme lachte laut, denn bisher war nur der halbe Kopf geboren – BusyBee konnte aber schon irgendwie schreien. Sie wollte raus und ich lachte vor Glück mit der Hebamme. Meine Frau stöhnte und röchelte weiter 😉 Dann war es plötzlich geschehen. Ich konnte mit ansehen, wie BusyBee geboren wurde und die Tränen standen mir in den Augen. Motherbirth durfte BusyBee in die Arme nehmen und war nun von einem Moment zum Anderen wieder unter uns. Ich umarmte Sie und mein Kind in dieser Position und ich fühlte mich glücklicher als je zuvor. 

Mädchen oder Junge? – wenn alles egal ist

Wir legten uns auf das Bett und konnten beide mit unserem Kind kuscheln. Es war ein erhabenes Gefühl. Meine wunderbare Frau hatte unser wundervolles Kind geboren – ohne Hilfe von mir; ohne Hilfe einer Hebamme; alleine! Ich war unglaublich stolz auf sie. Erst als wir ganz alleine waren  – ohne Hebammen – schauten wir, ob BusyBee denn nun ein Mädchen oder ein Junge ist (20 Minuten nach der Geburt!). Das erschien im ersten Augenblick nicht wichtig, wo ich doch das erste Mal in meinem ganzen Leben dem natürlichen Wunder der Geburt beiwohnen durfte.

 

*EUER HERZENSMANN*

#Geburt, Geburtshaus #Hypnobirthing #Vaterwerden #Glück #Angst #Vertrauen #Wunder #Gelassenheit #Geschehenlassen #Ruhe

 

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14 thoughts on “EXTRAversion – Wunder erleben”

  1. Danke für diesen ehrlichen und bewundernden Bericht! Ich erkenne mich und meine zweite Geburt nach meiner traumatischen ersten Geburt in vielen beschriebenen Momenten wieder. Danke.

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    1. Danke nicht mir, sondern meinem Mann, der diese Zeilen schrieb! Für mich die wunderbarste Liebeserklärung, die er mich machen konnte ❤
      Wir danken dir für dein Lob und freuen uns, dass dir der Geburtsbericht gefallen hat!

      Liebe Grüße
      Mother Birth und Herzensmann

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    1. Danke – natürlich auch im Namen vom Herzensmann!!! Du hast es auf den Punkt gebracht: es ist ein sehr respektvoller Geburtsbericht, voller Ehrfurcht und Liebe ❤ Er hat es geschafft den Zauber einzufangen, dem diesen Moment so einzigartig macht – auch für den Vater!

      Er zeigt aber auch auf, dass nicht nur die Mutter loslassen muss zur Geburt, sondern auch der Vater… Das hat nichts mit "unnütz" oder "nutzlos" zu tun… 😉

      Liebe Grüße
      Mother Birth

      Gefällt 1 Person

    1. Liebe Mamanatur! Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ich bin gerührt und freue mich, diesen Text verfasst zu haben. Im ersten Moment (vielleicht waren es auch mehrere Momente ;)) war es nicht so leicht, diesen Text zu schreiben – dann war es aber merkwürdigerweise doch ganz einfach – und jetzt freue ich mich darüber! Viele liebe Grüße vom Herzensmann!

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